„In einem kommunalen Unternehmen beeinflusst nicht die Gewinnmaximierung das Handeln, sondern das Handeln für die Menschen einer Stadt.“
Ann-Kathrin Piwellek im Gespräch mit Bettina Brennenstuhl, Vorständin der Dortmunder Hafen AG.
Ann-Kathrin Piwellek: In kommunalen Unternehmen stehen Entscheidungen häufig unter besonderer öffentlicher Beobachtung. Wie beeinflusst das Entscheidungsprozesse?
Bettina Brennenstuhl: Die Entscheidungsprozesse werden durch verschiedene Aspekte beeinflusst: kommunalpolitische Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Anforderungen, die Perspektive der Stadtverwaltung, und durch die Menschen die im Einzugsgebiet des Unternehmens leben. Denn diese sind direkt von den Dienstleistungen kommunaler Unternehmen, wie der Abfallentsorgung betroffen. Jede Unternehmensentscheidung beeinflusst Menschen im direkten Umfeld. Bei kommunalen Unternehmen ist die Betroffenheit durch Entscheidungen jedoch viel größer, da es häufig eine ganze Stadt betrifft.
Es muss jedem bewusst sein, dass ein kommunales Unternehmen immer auch Gegenstand von Kommunalpolitik ist, mal mehr mal weniger. Zeiten vor oder nach Kommunalwahlen können beispielsweise für kommunale Unternehmen herausfordernde Zeiten sein. Häufig fängt der Wahlkampf Monate vor dem Wahltag an, so dass bestimmte Entscheidungen nicht getroffen oder aus wahltaktischen Gründen getroffen werden. Dies wirkt sich zwar vorrangig auf die Entscheidungen in den kommunalen Räten aus und betrifft i. d. R. direkt die Kommunalverwaltungen. Sie können aber auch auf kommunale Unternehmen ausstrahlen.
Eine Führungskraft in einem kommunalen Unternehmen muss in beiden Welten zu Hause sein: in der wirtschaftlich geprägten Unternehmenswelt und in der kommunalen, politischen Welt. Sie muss versuchen, einen Ausgleich zwischen den Welten zu finden und diese bestmöglich kombinieren. Dazu gehört auch, politische Entscheidungen, die nicht immer der fachlichen Bewertung folgen, im Unternehmen zu erklären und Mitarbeitende manchmal auch zu motivieren, trotzdem an der Sache weiterzuarbeiten. In einem kommunalen Unternehmen beeinflusst nicht die Gewinnmaximierung das Handeln, sondern das Handeln für die Menschen in einer Stadt, aber unter Beachtung von Wirtschaftlichkeitsgrundsätzen.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Missverständnisse über kommunale Unternehmen?
Ich habe den Eindruck, dass das größte Missverständnis ist, dass ein kommunales Unternehmen 1:1 einem privatwirtschaftlich agierenden Unternehmen entspricht (Sichtweise von Unternehmern) bzw. einer Stadtverwaltung (teilweise Sichtweise von Verwaltung und Kommunalpolitik).
Ein kommunales Unternehmen, das als GmbH oder AG organisiert ist muss doch vergleichbar sein mit den privaten Unternehmen. Und umgekehrt genauso. Ein kommunales Unternehmen ist doch immer noch kommunal, egal ob GmbH oder AG.
Beides ist meines Erachtens nicht richtig. Die kommunale Gesellschafterstruktur, die sich natürlich auch in den Aufsichtsräten, Gesellschafterversammlungen oder Beiräten widerspiegelt, wirkt sich auf die Entscheidungen und das Agieren von kommunalen Unternehmen aus. Das ist in einem privatwirtschaftlich agierenden Unternehmen erstmal dem Grunde nach nicht anders. Ich meine aber, dass ein kommunales Unternehmen immer auch einen öffentlichen Auftrag hat und nicht ausschließlich der Gewinnmaximierung zu Gunsten der Gesellschafter (Stichwort: möglichst hohe Gewinnausschüttung) dient.
Nach meiner Wahrnehmung tritt manchmal eine Art „Kulturschock“ bei den Beschäftigten oder auch Führungskräfte ein, die von rein privatwirtschaftlich agierenden Unternehmen in kommunale Unternehmen wechseln. Ein Aufsichtsrat, der mit kommunalen Ratsvertreter/innen besetzt ist agiert anders als ein Aufsichtsrat in einem nicht kommunalen Unternehmen. Auch wenn ein kommunales Unternehmen aufgrund beispielsweise flacherer Hierarchieebenen agiler agieren kann als eine Stadtverwaltung, so ist es dennoch teilweise ein „zäherer“ Entscheidungsprozess als in einem privaten Unternehmen. Das unterschätzen nach meiner Erfahrung Mitarbeitende und Führungskräfte, die in ein kommunales Unternehmen wechseln. Ein kommunales Unternehmen ist nicht 1:1 mit einem Unternehmen vergleichbar, das eine rein privatwirtschaftliche Struktur hat.
Ein kommunales Unternehmen ist aber auch keine Stadtverwaltung in Bezug auf Prozesse oder auch Gehälter. Häufig findet eine Neiddebatte statt über die Gehälter von Geschäftsführungen von kommunalen Unternehmen, die in der Regel veröffentlicht werden. Sind diese zu hoch? Meiner Meinung nach muss berücksichtigt werden, dass eine Geschäftsführung einer kommunalen GmbH ein anderes Haftungsrisiko hat als Bürgermeister/innen oder Dezernenten. Das spiegelt sich dann möglicherweise auch im Gehalt wider. Entscheidet sich eine Kommune Aufgaben durch ein kommunales Unternehmen erfüllen zu lassen, dann gibt sie diesen Aufgabenbereich aus dem Stadtverwaltungsbereich heraus, mit allen Vor- und Nachteilen und Veränderungen.
Wie viel Unternehmertum braucht ein kommunales Unternehmen?
Ein gesundes Maß sollte es sein. Es ist richtig und wichtig, dass bestimmte Bereiche nicht durch die Kommunalverwaltung erledigt werden, sondern durch kommunale Unternehmen. Bei allen Einschränkungen, die ich zuvor aufgeführt habe, kann ein kommunales Unternehmen agiler tätig werden als eine Kommunalverwaltung. Häufig sind Hierarchien flacher, Prozesse schlanker und damit schneller. Aber natürlich muss sich ein kommunales Unternehmen, je nach Branche auch an vergaberechtliche Vorschriften halten, so dass es gewisse Verlangsamungen im Prozess geben kann. Auch die zuvor genannten teilweise erforderlichen politischen Abstimmungsprozesse können sich verzögernd auswirken.
Unternehmertum ist erforderlich in kommunalen Unternehmen, um wirtschaftlich zu agieren, innovativer und flexibler sein zu können. Ich meine, dass es gut ist, wenn neue Führungskräfte und Mitarbeitende viel Innovationsgeist mitbringen und sich nicht entmutigen lassen, diesem immer mal wieder freien Lauf zu lassen, auch wenn man eingebremst wird. Frischer Wind tut manchem kommunalen Unternehmen sicher gut.
Welche Kompetenzen, unabhängig vom Fachlichen, haben Ihnen selbst in Ihrer Karriere am meisten weitergeholfen?
Mir haben meine Ehrlichkeit/Authentizität, Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeit und Verlässlichkeit geholfen, meine Karriere zu gestalten. Auch wenn es unangenehm ist und vielleicht auch manchmal „riskant“, ehrlich Dinge zu benennen und eine klare Haltung zu haben, bin ich damit bisher immer gut gefahren.
Ich bin an der Sache interessiert und versuche diese immer bestmöglich umzusetzen und die Ziele zu erreichen. Und dazu gehört, kritisch Dinge zu hinterfragen, sich eine Meinung zu bilden und dann auf Basis der Fakten eine Entscheidung zu treffen. Die kann rückblickend betrachtet falsch sein, dann muss sie korrigiert werden, wenn neue Fakten vorliegen. Aber eine Entscheidung aus Angst vor einer Fehlentscheidung nicht zu treffen, war und ist in meiner bisherigen Karriere nie meine Vorgehensweise gewesen.