„Eine Brücke ist immer ein Unikat. Automatisierung oder gar künstliche Intelligenz stößt daher schnell an Grenzen.“
Jessica Schramböhmer im Gespräch mit Jens Christian Marquardt.
Herr Marquardt, welche Kompetenzen werden Fachkräfte im Stahl- und Anlagenbau in den nächsten fünf bis zehn Jahren unbedingt brauchen und wie bereiten Sie Ihr Unternehmen schon heute darauf vor?
Jens Christian Marquardt: Der Stahlbrückenbau unterscheidet sich deutlich von anderen Bereichen der Industrie, weil wir es kaum mit Serienfertigung zu tun haben. Eine Brücke ist immer ein Unikat. Automatisierung oder gar künstliche Intelligenz stößt daher schnell an Grenzen:
Während gerade im Bereich des Korrosionsschutzes Robotik und im Stahlzuschnitt Automatisierung bereits spürbare Entlastungen schaffen können, etwa durch gleichmäßige Beschichtungen, durch automatisierte Oberflächenbehandlungen und weitestgehende Automatisierung im Zuschnitt durch intelligente Zuschnitt-Software im Zusammenspiel mit modernster Maschinentechnik, bleibt der eigentliche Fertigungsprozess stark handwerklich geprägt.
Lange, gerade Schweißnähte lassen sich zwar mit maschineller Unterstützung automatisiert herstellen, aber die Vielzahl an verwinkelten, komplexen Nähten erfordert weiterhin das Können des Schweißers und die Vorbereitung des Schlossers. Diese Berufe werden im Brückenbau deshalb auch in den nächsten 5 bis 10 Jahren nicht ersetzbar sein, weil sie Erfahrungswissen, handwerkliches Geschick und das Verständnis für Baugruppen vereint. Für Fertigungsmitarbeiter heißt das: Die entscheidende Kompetenz der Zukunft liegt nicht in der reinen Bedienung von Robotern, Verwendung von künstlicher Intelligenz, sondern in der Kombination aus handwerklicher Präzision und der Fähigkeit, digitale Werkzeuge, etwa Zeichnungen aus 3D-Programmen oder Fertigungsdaten aus dem ERP, sicher zu interpretieren und in Handarbeit umzusetzen. Unser oberstes Ziel und unsere Pflicht ist es daher den Handwerksberuf nicht aussterben zu lassen, stetig für Nachwuchs zu sorgen und die kleinen technischen Revolutionen, die kommen werden zu erkennen und den Mitarbeitern an die Hand zu geben.
Anders stellt sich die Situation in der Verwaltung dar. Dort sind Automatisierung und digitale Unterstützung sehr viel stärker möglich. Mit künstlicher Intelligenz lassen sich heute schon Routineaufgaben wie die Erstellung von Dokumentationen, Auswertungen oder die Aufbereitung von Vertrieb und Sichtung von Ausschreibungsunterlagen erheblich erleichtern. Die Verwaltung braucht also vor allem Mitarbeiter, die bereit sind, KI und digitale Systeme als Arbeitsverstärker zu nutzen, Prozesse zu hinterfragen und dadurch Freiraum für die wirklich wertschöpfenden Tätigkeiten zu gewinnen. Während also die Fertigung auch in Zukunft stark auf Handarbeit angewiesen bleibt, wird die Verwaltung ihre Effizienz durch digitale Tools weiter steigern können.
Wir müssen die Stärke entwickeln schnell auf Veränderungen zu reagieren und wir müssen unsere Mitarbeiter dazu bewegen Änderungen anzunehmen.
Wie verändert sich Ihr Verständnis von Führung, wenn es darum geht, hoch spezialisierte Fachkräfte und Ingenieure langfristig zu binden und weiterzuentwickeln? Was sind die stärksten Hebel?
Führung bedeutet für mich, die Stärken und Schwächen von Mitarbeitern zu erkennen, Stärken zu nutzen und Schwächen zu beheben. Unterschiede klar zu erkennen und in der Praxis zu berücksichtigen. In der Fertigung ist es wichtig, den Mitarbeitern stabile Rahmenbedingungen zu geben: planbare Schichten, gute Arbeitsmittel und klare Zuständigkeiten. Da ihr Beitrag wesentlich von handwerklicher Qualität geprägt ist, sind Wertschätzung und Vertrauen hier die stärksten Bindungskräfte. Ein Schlosser oder Schweißer bleibt nur dann langfristig motiviert, wenn er merkt, dass seine Arbeit geschätzt wird, dass er die richtigen Werkzeuge in die Hand bekommt und dass seine Erfahrung im Unternehmen gehört wird. In der Verwaltung ist die Bindung stärker durch Entwicklungsmöglichkeiten, flexible Arbeitsmodelle und den Zugang zu moderner Technologie geprägt. Hier sind es die Chancen, mit neuen digitalen Werkzeugen zu arbeiten und aktiv an der Weiterentwicklung von Prozessen beteiligt zu sein, die Mitarbeiter langfristig motivieren. Führung im Mittelstand heißt für mich deshalb, auf diese Unterschiede einzugehen: die Fertigung mit Stabilität und guter Ausstattung zu stärken, die Verwaltung mit Freiräumen und Entwicklungsmöglichkeiten.
Welche persönlichen Eigenschaften und Haltungen zeichnen in Ihren Augen die besten Fachkräfte aus, gerade in einer Branche, die Präzision, Teamarbeit und Verlässlichkeit erfordert?
Unabhängig davon, ob jemand in der Fertigung oder in der Verwaltung arbeitet, sind bestimmte persönliche Eigenschaften für den Erfolg entscheidend. In der Fertigung steht die Verlässlichkeit an oberster Stelle. Wenn ein Schweißer oder Schlosser eine Aufgabe übernimmt, muss sich das gesamte Team darauf verlassen können, dass sie präzise, termingerecht und in höchster Qualität ausgeführt wird, denn Fehler oder Verzögerungen haben hier unmittelbare Auswirkungen auf das Gesamtprojekt. Hinzu kommen Teamgeist und die Fähigkeit, die eigene Arbeit immer im größeren Zusammenhang einer Baugruppe oder eines gesamten Bauwerks zu sehen. In der Verwaltung äußern sich dieselben Eigenschaften in anderer Form: Dort ist es vor allem die Fähigkeit, klar und strukturiert zu kommunizieren, Schnittstellen sauber zu bedienen und Probleme nicht nur zu benennen, sondern konstruktive Lösungen anzubieten. Beide Bereiche profitieren von Mitarbeitern, die lernbereit sind und sich auf neue Methoden einlassen. In der Fertigung bedeutet das, mit neuen Vorrichtungen oder digitalen Zeichnungen umzugehen, in der Verwaltung, KI und digitale Systeme als Chance zu sehen und nicht als Bedrohung.
Jüngere Generationen haben andere Erwartungen an Führung. Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: „So wie früher kann ich heute nicht mehr führen“?
Da ich persönlich noch nicht allzu lange in der Situation bin, führen zu dürfen, aus den Erfahrungen mit anderen Führungspersonen aber gelernt habe, ist mir bewusst geworden, dass ich meinen eigenen Führungsstil entwickeln muss und niemanden imitieren darf, Authentizität und eine eigene Persönlichkeit sind auf Führungsebene essenziell.
Der Wandel liegt in meinen Augen darin, weniger Kontrolle und mehr Verantwortung zu geben. Schwierig ist es aber Mitarbeiter zu finden, die Verantwortung übernehmen können, gerade in der jüngeren Generation, hier liegt aber auch eine Chance. Ältere Mitarbeiter, die diese Verantwortung nie übertragen bekommen haben, verhalten sich deutlich zurückhaltender, junge Führungskräfte benötigen klare Kompetenzfreigaben und können aufgrund ihrer Unbefangenheit oft gut mit gleich alten umgehen. Schwieriger wird es bei Generationen-Kompetenzen.
Ich persönlich unterscheide nicht in der Führung von Alt und Jung, lediglich im Sprachcode gibt es einige Unterschiede, mein Sohn hat mir dabei sehr geholfen auch sprachlich einigermaßen up to date zu bleiben.
Welche Trends, von Nachhaltigkeit über Globalisierung bis hin zu Fachkräftemobilität, werden Ihrer Meinung nach den industriellen Mittelstand in den kommenden Jahren am stärksten prägen?
Für den industriellen Mittelstand sehe ich mehrere Entwicklungen, die unser Geschäft nachhaltig prägen werden. Ein zentrales Thema ist die Dekarbonisierung. Gerade im Stahlbrückenbau, wo die Fertigung energieintensiv ist, wird die Frage, wie energieeffizient und CO₂-bewusst wir arbeiten, in Zukunft immer wichtiger. In der Fertigung heißt das: Prozesse werden gezielt auf Energieeinsparung und Ressourcenschonung überprüft, von der Schweißtechnik über den Materialeinsatz bis hin zur Nutzung von Maschinen. In der Verwaltung wiederum wächst der Anteil an Dokumentations- und Nachweispflichten, etwa im Rahmen von ESG-Berichten oder Zertifizierungen. Hier wird sich die Arbeit durch digitale Systeme und KI-gestützte Prozesse stark verändern. Ein weiterer Trend ist die Digitalisierung der Wertschöpfungskette. In der Fertigung betrifft das vor allem die Verfügbarkeit und Interpretation von Daten, während in der Verwaltung durchgängige Systeme eingeführt werden, um Medienbrüche zu vermeiden. Schließlich wird der Fachkräftemangel auch den Brückenbau prägen. Da der Beruf des Schlossers oder Schweißers auf absehbare Zeit nicht automatisiert werden kann, wird die Attraktivität als Arbeitgeber zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Für die Fertigung heißt das: faire Arbeitsbedingungen, Wertschätzung und Sicherheit. Für die Verwaltung bedeutet es: flexible Arbeitsmodelle, Entwicklungsmöglichkeiten und der Einsatz moderner Technologien. Wenn es gelingt, diese Unterschiede ernst zu nehmen und gleichzeitig das große Ganze, Qualität, Termintreue und Nachhaltigkeit im Blick zu behalten, wird der industrielle Mittelstand auch in den kommenden Jahren stark bleiben.